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Interview mit Miyu von MyauMania

Geschrieben am 20.02.2015 von Mari in Interviews

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Fotograf: Tina Lončar

 

1. Wann hattest du deinen ersten Kontakt mit japanischer Mode und warum genau hast du dich in den Stil verliebt?

 

Es war um 2005 herum. Als ich an der Universität war studierte ich Soziologie. Dabei hat mich die Soziologie der Subkulturen am meisten interessiert und ich begann nach Subkulturen in Japan zu googlen, was ich eigentlich wegen meiner damaligen Liebe zu Anime gemacht hatte. Ich entdeckte Lolita und verliebte mich in den Stil. Bisher hatte ich nie etwas vergleichbares gesehen und am spannendsten fand ich, dass es so ein femininer Modestil ist, welcher hauptsächlich von Frauen getragen wurde (und ein paar Männer, die dann wie Frauen gekleidet waren) und trotzdem war er so rebellisch. Seit ich ein Teenager war, war ich ein Punk und die Musik formte meine Art des Denkens und war sogar der Grund, weshalb ich angefangen hab Soziologie zu studieren. Aber die niedliche, weibliche Seite war etwas, was ich immer beim Punk vermisst hab. Ich trug damals zu meinen Punkklamotten immer kindische Rucksäcke und viel Pink. Als ich dann Lolita entdeckte war das für mich so, als ob ich diese andere Seite vom Punk, den ich vermisste, entdeckt hab. Punk ist für mich keine Iros oder karierte Kleidung, es ist für mich eine Art zu denken. Deswegen hat Lolita auch eine punkige Seele.

 

2. Wann hast du dein Label gegründet? Was waren die Gründe, als du dich zum Start deines Labels entschieden hast?

 

Ich hab es im Herbst 2012 gegründet. Es war schon sehr lange ein Traum von mir. In der Oberstufe hab ich mir immer vorgestellt, ein Modelabel zu haben, was sich Punk und dem 80er-Stil widmet und einen kleinen Shop zu haben, wo ich arbeiten würde und meine designs verkaufen würde. Ich würde meine eigenen Designs herstellen und hätte sie von einer Schneiderin nähen lassen. Damals wollte ich auch auf eine Modeschule gehen, aber meine Eltern rieten mir davon ab, da sie etwas Angst um meine Zukunft hatten. Ausserdem hatte ich mir selbst eingeredet, dass ich nicht das Talent dafür haben würde und ich hatte auch ein wenig Angst davor – also ging ich nicht auf die Modeschule. Aber der Wunsch nach einem eigenen Label ging nie weg, er wurde immer stärker. In meinem zweiten Jahr an der Uni bekam ich von meiner Oma eine alte Nähmaschine und hab mir selbst zu nähen beigebracht. Lolita war dafür der Hauptgrund und mein Interesse für Mode blühte auf, als ich mit Lolita angefangen hab. Nachdem ich 2012 promoviert hatte, beschloss ich meinen Traum zu verwirklichen – jetzt oder nie! Ich möchte aber auch noch eine Ausbildung im Bereich der Mode, weswegen ich versuche, diesen Herbst bei einer Modeschule aufgenommen zu werden.

 

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Fotograf: Martina Špoljarić

 

3. Was inspiriert dich selbst als Person aber auch dich beim Designen und Herstellen von Kleidung?

 

Ich lass mich gerne von alternativen japanischen Modeszenen inspirieren (Stile wie Lolita, Otome Kei, Fairy Kei, Cult Party Kei, Mori Girl), von der dritten Welle des Feminismus und von der riot grrrl Bewegung, von Frauen wie Poly Styrene, Cyndi Lauper, Wendy O’Williams, Popkultur und Rock’n’Roll Musik wie 60er Garage, Surf, Punk und Psychobilly aber auch von Science Fiction und Horrorromanen, Comics und Filmen (besonders aus dem dystopia und bizarro fiction Genre.). Mein Lieblingsmotiv sind Zombies, süßes Essen und Katzen. Die stärkste Inspiration bekomm ich von meinem Kontakt mit Stoffen, schon allein wenn ich einen Stoff anfasse und ihn sehe, hab ich Bilder in meinen Kopf und viele verschiedene Ideen – es ist echt ein schöner Prozess. Ich mag es, meine eigenen Muster durch malen, bleichen und mit Applikationen herzustellen.

 

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4. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

 

Sweet Punk. Ich trug früher entweder Lolita oder Punk oder Punk Lolita aber nur so, wie man es auch in den Magazinen gesehen hat, elegant und im Gothic-Stil. Ich hatte damals noch nicht den Mut, die Stile einfach zusammenzumixen. Heute kümmerts mich nicht mehr so sehr, entweder ich trag Lolita und Punk getrennt oder ich mische einfach alles was ich in meinem Schrank hab zusammen. In dem Fall nenne ich meinen Stil aber nicht mehr Lolita oder sehe es als Teil der Subkultur, es ist einfach ich. Ich kombiniere meine Lieblings-Lolita-Substile Sweet und Deco Lolita mit punkigen Accessoires und etwas guro kawaii Schmuck. Aber ich experimentiere auch gerne mit anderen Stilen herum, Fashion ist für mich einfach etwas, was Spaß machen soll.

 

5. Wolltest du schon immer Kleidung designen?

 

Bewusst gewünscht hatte ich es mir als ich 14 war aber solang ich mich erinner war ich immer von Kleidung und Stoffen fasziniert. Meine ältesten Erinnerungen sind alle damit verbunden: als ich die Kleidung von meiner Mutter anprobiert hab, als ich mir Kleidung ausgesucht hab, die ich in großen Tüten von meinen Cousins bekommen hab, Kleidung die meine Mutter früher für mich gemacht hat als ich noch klein war – ich erinner mich an einige dieser Sachen bis ins kleinste Detail.

 

6. Was bedeutet dir Lolitamode?

 

Ich verbinde zwei Dinge mit Lolitamode. Das eine ist auf einer rein ästhetischen Basis, ich verliebte mich einfach in die aufwändigen Details und die absolute Perfektion der Designs und der Verarbeitung. Es ist wirklich eine schöne und innovative Mode was sich durch alle Unterstile zieht. Lolitamode ist das genaue Gegenteil von heutiger Mainstream-Mode und ihrer Überproduktion, schlechter Behandlung von Arbeitern, endlosen Kopien, langweiligen Designs und schlechter Qualität.

 

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Meine zweite Verbindung mit Lolitamode ist rein ideologisch, eine Möglichkeit meine Einstellung, meine Überzeugung und meinen Charakter auszudrücken. Es ist eine Möglichkeit, mein wahres ungeschütztes Ich zu zeigen. Punkkleidung ist für mich immer wie eine Rüstung gewesen, etwas worin ich mich selbstsicher genug fühlte um ich selbst zu sein und für das zu kämpfen, woran ich glaube. Allerdings hab ich das Gefühl, dass diese Kleidung das verstecken, was ich in Wirklichkeit bin, eine extrem emotionale Person an der Grenze zum ständigen Kampf mit Pessimismus und Depressionen. Wenn etwas in der Welt nicht in Ordnung ist geht mir das sehr Nahe. In meinem 28. Lebensjahr kann ich die Grausamkeiten der der Menschheit immer noch nicht begreifen und der einzige Weg, damit umzugehen ist für mich sich dagegen aufzurichten. Punk ließ mich stark fühlen, wütend und aggressiv – ich konnte rebellieren.

 

Lolita, auf der anderen Seite, repräsentierte für mich ein Bild der idealen, unverfälschten Welt. Die Pastellfarben von Sweet Lolita, den Stil den ich am liebsten mag, zeigen für mich die Glücklichkeit, die Behaglichkeit, dass du dich hübsch und gut fühlen kannst. Es zeigt wer ich in mir drin wirklich bin. Es ist so eine positive Moderichtung und wenn ich es in der Öffentlichkeit trage wird dieses positive auch ausgestrahlt. Viele Leute loben und bewundern die Lolitamode, wenn sie sie sehen. Klar, es gibt auch diejenigen, die den Stil hassen und die einem unschöne Sachen nachrufen. Die Reaktionen hier sind sehr damit verbunden, dass man vorherrschende kulturelle Normen bricht. In unserer heutigen Welt voll mit sexuell agressiven Darstellungen von Frauen wirkt Lolita als ein romantischer, femininer und asexueller Stil wie eine Beleididung, welche hauptsächlich an Teens und Männer gerichtet ist.

 

Für mich ist der Lolitastil etwas, was ich primär für mich selbst trag, entweder privat oder in der Öffentlichkeit, weil es mich glücklich macht und ich mich darin hübsch fühle. Aber seit ich die Reaktionen von anderen kennengelernt hab und auch gelernt hab, wie das Lolita Image in der Öffentlichkeit kommuniziert, muss ich zugeben dass ich es auch als eine Art des Umsturzes trage. Für mich ist es jeden Tag ein kleiner performativer, feministischer Akt. Die ersten Jahre, in denen ich Lolita trug, waren wirklich schwierig, da ich für mich in Lolita keinen Schutz trage und trotzdem rebellisch bin, egal ob ich mir gerade darüber bewusst bin oder nicht. Lolita ist einer von diesen Stilen bei denen es egal ist, was derjenige, der den Stil trägt, denkt oder erreichen woll, er wird sich einfach immer vom Mainstream unterscheiden. Und Reaktionen in der Öffentlichkeit sind etwas, womit der Umgang für jede Lolita wirklich schwer sein kann. Entweder man lernt schnell damit umzugehen und dich trotzdem so zu kleiden, wie es dir gefällt (was an und für sich schon subversiv ist) oder du lässt es komplett oder trägst es nur bei dir zu Hause in den eigenen vier Wänden. Die zweite Lösung stellte für mich nie eine Option dar, da ich seit ich ein Kind war immer schon sehr eigensinnig war.

 

7. Wenn du auf Tour mit deiner Band Distopija bist, trägst du auch Lolita! Wie reagieren die Leute darauf, dass du Lolitamode trägst und in einer Punkband bist?

 

Ich trage zwar Lolitaklamotten aber ich würde es in diesem Fall nicht als Lolita bezeichnen, weil ich es mit sehr aggressiven und maskulineme Verhalten kombiniere und das ist etwas was wirklich nicht sehr zur Lolita Subkultur passt. Was ich mache ist dass ich verschiedene Genderrollen aufeinanderprallen lasse und gegensätzliche Bilder zusammenfüge um den Leuten etwas zum Nachdenken zu geben. Die Riot Grrrl Bewegung ist auch ein Rollenmodel hierfür. Ich kann vielleicht auch andere Kleidung statt Lolitakleidung auf der Bühne tragen, aber ich möchte mein wahres Ich zeigen. Was ich mache ist kein Schauspiel oder dass ich etwas vorgaukle, was man machen könnte, damit eine Band erfolg hat, es ist für mich vielmehr eine Art, meine Meinung öffentlich zu verbreiten und das ist auch der Grund für meinen Musikakt.

 

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Fotograf: Živi NePrijatelj

 

Die Lieder werden von meiner Gitarristin Ines und mir geschrieben und handeln von unseren persönlichen Erfahrungen oder wir schreiben sie aus dem Sichtfeld der zu kritisierenden Personen. Wir sprechen über Belästigungen auf offener Straße und Schönheitsstereotypen. Das Publikum reagiert dabei zwar schon unterschiedlich, hauptsächlich ist es aber entweder dass sie es sehr mögen oder sehr ablehnen. Die Leute mögen es, dass es eine feministische Frauenband da draußen gibt. Die, die eher negativ reagieren, reagieren meist auf unsere absichtlichen Provokationen, sie sind meistens geschockt über den Gender-Rollenbruch, den wir mit pinker Kleidung, unserem nicht-punkischen Look und unserer Femininität in einer eher maskulinen Punkszene, über unsere feministische Einstellung oder der Tatsache, dass wir Stereotypen von dem, was diese Leute denken, dass Punk sei, durch den Kakao ziehen. Wir kritisieren ihre Quasi-Revolution, während sei hauptsächlich nur in Parks trinken, sich so benehmen als wären sie arm und Leute, die anders sind wie sie anpöbeln.

 

8. Was ist dein absolutes Lieblingsteil was du je designt hast?

 

Das ist eine wirklich schwierige Frage, da ich mehr als nur ein Teil hab. Alle meine Designs sind wie meine Kinder, ich lass sie in die Welt und vermiss sie und frage mich oft, wo sie gelandet sind und ob sie dort gemocht werden. Das klingt komisch, aber ich fühle mich sehr zu den Dingen die ich herstelle verbunden. Ich kann aber meine absolute Lieblingskollektion benennen: die vom Sommer 2013, genannt „Surfin‘ Kawaii“. Zwei Items aus der Kollektion sind typisch ich, ein pink und rotes guro kawaii Lolita Onepiece mit Erdbeeren und Äpfeln (ein Fruchtmassaker) und ein pink-blauer Meerjungfrau Lolita Rock mit einem passenden Kragen.

 

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Fotograf: Igor Dugandžić

 

9. Du hast dein eigenes Label, du spielst in einer Band, du schreibst Bücher über Mode, du bist der Administrator von Lolita Croatia, du gibst Workshops und und und….! Was machst du in deiner Freizeit, wenn du die überhaupt noch hast?

 

Ich denke, das ist es, lol. Es gibt immer noch so viel, was ich gerne machen würde, es gibt einfach so viel schönes und spannendes in der Welt. Der Tag kommt mir auch immer viel zu kurz vor. Aber ich nehm mir auch oft Tage frei. Ich bin nicht so gut im organisieren, darum überarbeit ich mich entweder oder ich erhole mich zu viel. In meiner Freizeit trinke ich gerne Kaffee auf meiner Terasse mit meinem Mann Alen, meinen Katzen Luna, Grizzly und Momo und meinen zwei besten Freunden Akira und Marina. Ich liebe es auch zu Lesen, zur Zeit besonders Carlton Mellick III Romane und natürlich auch alles aus dem Zombie Genre. In letzter Zeit hab ich auch die Gartenarbeit etwas für mich entdeckt, es ist wirklich sehr entspannend.

 

10. Wie würdest du die Lolitaszene in Kroatien beschreiben?

 

Momentan leider nicht-existent. Es gibt zwar ein paar Leute, aber ich kann nicht wirklich sagen, dass eine Szene existiert. Viele Leute, die sich früher für Lolita interessiert hatten, haben es wieder aufgehört. Ich hab früher, also bis zu diesem Jahr, viele Meetups organisiert (nicht nur für Lolita sondern auch für japanische Mode generell). Es kamen zwar Leute, aber viele hatten sich nur für die Modestile interessiert, sie aber nicht selbst getragen. Lolita scheint zur Zeit auch nicht so beliebt zu sein. Viele haben nicht die Motivation es richtig zu tragen. Ich denke, dass viele auch Angst vor den Reaktionen in der Öffentlichkeit haben, andere widerum möchten nicht so viel Geld für Mode ausgeben. Aber Pastel Goth scheint momentan ein Trend zu sein und die Cosplayszene wächst sehr stark an.

 

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11. Was würdest du den Leuten raten, die auch einen japanischen Modestil tragen wollen?

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Steh zu dir und tu was du magst. Vielleicht ist es am Anfang noch nicht so ganz richtig und der Stil, den du dir anfangs aussuchst ist doch nicht der richtige für dich oder dein Geschmack verändert sich im Laufe der Zeit, aber das macht nichts – probiers einfach aus. Machs immer für dich und hab Spaß damit. Zu viele Leute sind frustriert, weil sie keine teuren Klamotten oder den „richtigen Look“ haben. Es geht bei den Stilen aber nicht darum, reich zu sein, dünn oder schön nach den gesellschaftlichen Standards. Es geht um Kreativität, sich an etwas zu erfreuen und du selbst zu sein. Hab niemals Angst herumzuexperimentieren und brich ein paar Moderegeln. Lern zu nähen und stell Sachen her, hab den Mut dich in der Öffentlichkeit so zu kleiden, wie du willst und vergiss einfach, was andere davon halten könnten. Fiese Kommentare kommen von fiesen Gefühlen, die die Leute sich selbst gegenüber hegen. Schätze die Vielfalt bei anderen und lächle und du wirst sehen, dass die anderen zurücklächeln.

 

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